NachrichtenReportage

Viele Jesidinnen sind traumatisiert

Von ZEIT ONLINE

Im Sommer 2014 begann der IS mit der Vernichtung und Verfolgung der Jesiden im nordirakischen Sindschar. Vor allem die Frauen leiden laut einer Studie an den Traumata.
Völkermord: Irakische Jesidinnen nahe der kurdischen Stadt Dohuk
Irakische Jesidinnen nahe der kurdischen Stadt Dohuk© Safin Hamed/​AFP/​Getty Images

Die Folgen des Genozids an den Jesiden im Irak sind fünf Jahre später für die Überlebenden schwerwiegend. Besonders Jesidinnen leiden unter Traumata infolge von Gewalt und Vergewaltigung, wie aus einer in Göttingen veröffentlichen Studie der Gesellschaft für bedrohte Völker hervorgeht. Die Frauen hätten bislang nur unzureichend Hilfe erhalten.

Von den 296 befragten Frauen, die in Deutschland leben, gaben rund 230 (78 Prozent) an, in der Gefangenschaft der Terrormiliz „Islamischer Staat“ vergewaltigt worden zu sein. 40 Frauen (13,5 Prozent) erklärten, nach einer Vergewaltigungschwanger gewesen zu sein.

Jede zweite befragte Jesidin wurde laut Studie unter Leitung des jesidischen Wissenschaftlers Jan Ilhan Kizilhan mindestens 20 Mal vergewaltigt. Während ihrer IS-Gefangenschaft habe jede Befragte Todesangst gehabt. Rund 300.000 Jesiden lebten in den vergangenen fünf Jahren in Flüchtlingscamps, hieß es weiter. Dort seien sie oft sich selbst und ihren traumatischen Erlebnissen überlassen worden. In Deutschland leben nach Schätzungen rund 150.000 Mitglieder der religiösen Minderheit.

Viele der im Irak gebliebenen Jesiden würden über eine Auswanderung nachdenken, heißt es in der Studie. Demnach hält es die Mehrheit für nicht möglich, wieder in Frieden mit den Muslimen im Irak leben zu können und in die zerstörten Siedlungsgebiete zurückzukehren. Kizilhan betonte zugleich, die Auswanderung könne „aber nur die letzte Option sein, wenn die Menschen nicht mehr in der Lage sind, im Irak zu überleben“.

Massenerschießungen und Entführungen

Die Autoren der Studien fordern konkrete Hilfe für die vergewaltigten Frauen und deren Kinder. Sie verweisen darauf, dass das Land Baden-Württemberg 2014 rund 1.100 jesidische Frauen und Kinder aufgenommen hatte. Ein neues Sonderkontingent unter dem Schutz der jesidischen geistlichen Führung könnte helfen. In Deutschland brauche es zudem unbürokratische Lösungen für den Familiennachzug. Wenn ihre Ehemänner aus dem Irak nachkämen, wirke sich dies positiv auf die verstörten Frauen aus.

Nach der Vertreibung der Christen aus Mossulim Juni 2014 hatte der IS im August 2014 mit der Vernichtung und Verfolgung der Jesiden in der Region Sindschar begonnen. Die Folge: Tausende Tote und Schwerverletzte, Entführungen, Massenerschießungen, zerstörte Dörfer und Heiligtümer, Hunderttausende Geflüchtete und eine traumatisierte Gesellschaft.

Zeig mehr

In Verbindung stehende Artikel

Back to top button
Close