NachrichtenReportage

Von Islamisten als Sklavin gehalten „Für ISIS war ich weniger wert als die Tiere“

Von B.Z Berlin

Vor fünf Jahren begann im Irak der Völkermord an den Jesiden. B.Z. flog mit dem Menschenrechtszentrum Cottbus in die Flüchtlingslager bei Er bil. Dort berichtet eine junge Jesidin (22), wie sie als Sklavin gehalten wurde.

Ein junge Frau steht traurig vor einem alten Zelt. Es schüttet, tropft durch. Dieses Massenzelt ist ihr zu Hause. Doch es ist sicher! Denn die Notunterkunft ist nichts gegen das Martyrium von Khokhe (22) und ihrer Familie in den letzten Jahren.

Jesiden fliehen am 3. August 2014 in das Shingal-Gebirge. Es ist entsetzlich heiß. Unterwegs verdursten und verhungern Hunderte (Foto: Reuters)
Jesiden fliehen am 3. August 2014 in das Shingal-Gebirge. Es ist entsetzlich heiß. Unterwegs verdursten und verhungern Hunderte (Foto: Reuters)

2014 zogen die selbsternannten ISIS-„Gotteskrieger“ in das nordirakische Gebiet, in dem die ethnisch-religiöse Minderheit der Jesiden lebt. Von den 500.000 Menschen im Shingal wurden an jenem 3. August 2014 rund 360.000 vertrieben und leben seither in Flüchtlingslagern.

80 Massengräber entdeckt

Die neueste Statistik der Vereinten Nationen lässt das Grauen erahnen. In den ersten Tagen ermordete ISIS 1293 Menschen und bombardierte 68 religiöse Stätten. Bis heute wurden 80 Massengräber entdeckt. 6417 Menschen – 3548 Frauen und 2869 Männer – wurden verschleppt und als Sklaven gehalten. Durch Flucht, Freikauf und Befreiung überlebten davon 3509 Jesiden, die anderen 2908 werden weiter vermisst. Kaum eine Familie in der Region ist vom ISIS-Terror nicht betroffen.

Abdulah Sherwe (44, links) half beim Freikauf von rund 400 Jesiden. Hier wird eine befreite Frau von Angehörigen begrüßt (Foto: tomas Kittan)
Abdulah Sherwe (44, links) half beim Freikauf von rund 400 Jesiden. Hier wird eine befreite Frau von Angehörigen begrüßt (Foto: Tomas Kittan)

Mit dem Menschenrechtszentrum Cottbus e.V. (MRZ) flogen die B.Z.-Reporter nach Erbil in das mehrheitlich kurdische Gebiet. MRZ-Geschäftsführerin Sylvia Wähling (57) war schon ein Dutzend Mal hier, um den Menschen zu helfen. Im Kleinstädtchen Telskuf wird gerade u.a. mit Brandenburger Hilfe eine von ISIS zerstörte Kirche wieder aufgebaut. Andere MRZ-Mitglieder leisten als Ärzte medizinische Hilfe. Auch Brandenburgs Landtagsvizepräsident Dieter Dombrowski (68, CDU) flog mit. Er hatte Baby-Sachen und Spielzeug für die Flüchtlingskinder besorgt.

Die B.Z.-Reporter besuchten mehrere Flüchtlingslager. In ­Esyan lernten sie Khokhe Khalafs kennen. Was die Journalisten dort erfuhren, erschütterte sie wie nie zuvor in ihrem langen Berufsleben.

B.Z. traf diese zwölf von ISIS versklavten Frauen. Auf einem Schild zeigt jede von Ihnen, wie viele Monate sie in deren Gewalt war. Links steht Khokhe (Foto: Michael Hübner / www.nurfotos.de)
B.Z. traf diese zwölf von ISIS versklavten Frauen. Auf einem Schild zeigt jede von Ihnen, wie viele Monate sie in deren Gewalt war. Links steht Khokhe (Foto: Michael Hübner / www.nurfotos.de)

„Bis zum Sommer 2014 waren wir eine glückliche Großfamilie im eigenen Haus. Doch der 3. August zerstörte alles“, sagt Khokhe. „Die Peschmerga verließen unser Dorf und ISIS stürmte hinein.“ Vater Greb (Jahrgang 1974) und der kleine Bruder Alan (damals 6) wurden entführt. Auch Khokhes Mutter Sewe (43) und ihre drei Schwestern (20, 18, 15) verschleppten die Gotteskrieger.

Khokhe: „Später sah ich ein brutales Video von ISIS. Darauf erkannten wir unseren Vater. Er lag zwar auf dem Bauch, aber die Kleidung und der Körper waren typisch für ihn. Im Film werden er und andere wehrlose Männer mit Gewehren und Pistolen hinterrücks erschossen. Dennoch hoffen und beten wir noch immer, dass er lebt.“

Sylvia Wähling (52, Mitte) macht mit Khokhe (r.) und ihrer Schwestern Eimo (18, li.) und Sahdina (15) ein Erinnerungsfoto (Foto: tomas Kittan)
Sylvia Wähling (52, Mitte) macht mit Khokhe (r.) und ihrer Schwestern Eimo (18, li.) und Sahdina (15) ein Erinnerungsfoto (Foto: Tomas Kittan)

Ihr Martyrium dauerte drei Jahre

Das Martyrium von Khokhe dauerte ganze 36 Monate. „Ich war Sklavin von ISIS-Männern“ erzählt sie unter Tränen. „Ich musste putzen, kochen und auch für alles andere ständig zur Verfügung stehen. Die Reste des Essens bekamen die Haustiere. Ich hingegen fast immer nur trockenes Fladenbrot und Wasser. Ich war weniger wert als die Tiere. Immer wieder wurde ich an neue Männer verkauft.“

Mit diesem Handy-Foto boten die ISIS-Terroristen Khokhe zum Kauf untereinander an (Foto: tomas Kittan)
Mit diesem Handy-Foto boten die ISIS-Terroristen Khokhe zum Kauf untereinander an (Foto: Tomas Kittan)

Mit einem Foto wurde sie angepriesen, mindestens 30 Mal erfolgte der Weiterverkauf. „Offiziell hieß der Verkauf ,Hochzeit‘“, sagt sie. „Doch manche Männer zahlten nur für eine weitere Vergewaltigung. Die Männer waren ekelhaft verdreckt. Oft 50 bis 60 Jahre alt. Ein Mann war sogar schon 99.“

Khokhes Hass stieg in Ihrer Haftzeit ins Unermessliche. Aber auch ihr Überlebenswille: „Zweimal habe ich versucht, meine ISIS-Peiniger zu töten. Das erste Mal mit einem Messer, als einer schlief.“ Man überwältigte sie dabei und steckte sie für vier Monate ins Gefängnis.

Diese Jungs und Mädchen gehen im Flüchtlingslager Esyan zur Schule (Foto: Michael Hübner / www.nurfotos.de)
Diese Jungs und Mädchen gehen im Flüchtlingslager Esyan zur Schule (Foto: Michael Hübner / www.nurfotos.de)

„Das zweite Mal war es ein anderer Mann. Der war berüchtigt, Leute zu köpfen, dies zu filmen und diese Filme über Facebook zu verbreiten. Ich nahm seine Pistole, als er schlief und wollte ihn erschießen. Weil es aber das erste Mal war, dass ich eine Waffe hielt, konnte ich vor Zittern nicht abdrücken.“ Auch hier fasste man die junge Frau und steckte sie für 14 Tage in Einzelhaft. „Ich bekam nur Wasser, kein Essen. Aber ich habe überlebt“, sagt sie.

Für 15.000 Dollar wurde Khokhe von Fluchthelfern frei gekauft

Nach drei Jahren wurde Khokhe endlich frei gekauft – von Fluchthelfern. „15.000 Dollar wurden für mich bezahlt.“ Für ihre Schwester Eimo (18), zu der sie nie in der Haft bei ISIS Kontakt hatte, musste den Händlern sogar 20.000 Dollar gezahlt werden, weil sie noch jünger war. Sie kam erst diesen Januar frei, war somit sogar über viereinhalb Jahre Sklavin der Terrormiliz, „musste neun Männer über sich ergehen lassen“, so die Schwester.

Familienvater Greb wurde vermutlich erschossen (Foto: tomas Kittan)
Familienvater Greb wurde vermutlich erschossen (Foto: Tomas Kittan)

Ihrer jüngsten Schwester Sahdina (15) gelang nach drei Jahren die Flucht. Sahdina: „Ich wurde fünfmal zu Zwangshochzeiten verkauft. Das waren keine Männer. Das waren Tiere. Als mein letzter Peiniger erschossen wurde, nutzte ich die Nacht zur Flucht.“

Khokhes Mutter Sewe (43) (Foto: tomas Kittan)
Khokhes Mutter Sewe (43) (Foto: Tomas Kittan)

Mutter Sewe und der andere Bruder Zedan (14) kamen unterdessen auch frei. Der Junge hat Multiple Sklerose. Zur Behandlung durften Mutter und Sohn im April nach Australien ausfliegen. Vor wenigen Tagen kam Khokhes Bruder Alan (11) frei. Er hat Kurdisch, die Sprache der Jesiden verlernt. Offenbar wurde er islamisiert und zum Kindersoldaten ausgebildet. Er wolle nur noch Kriegsfilme schauen… Von Khokhes Schwester Nasreen (20) fehlt indes weiter jede Spur.

Khokes Bruder Alan (11) (Foto: Privat)
Khokes Bruder Alan (11) (Foto: Privat)

Khokhe ist eine unglaublich tapfere Frau. Beim B.Z.-Besuch im Flüchtlingslager humpelte die 22-Jährige. Dabei biss sie sich auf die Lippen, weinte: „Ich wurde gleich am Anfang mit Kabeln geschlagen. Seither habe ich Schmerzen an beiden Beinen, kann nicht mehr normal laufen.“

Im Lager Esyan reiht sich Zelt an Zelt – 20.000 Menschen leben hier (Foto: Michael Hübner / www.nurfotos.de)
Im Lager Esyan reiht sich Zelt an Zelt – 20.000 Menschen leben hier (Foto: Michael Hübner / www.nurfotos.de)

Doch das ist nicht alles. „Durch die unzähligen Vergewaltigungen ist mein Unterkörper kaputt. Ich kann weder lange sitzen noch stehen. Aber“, sagt sie nach einer Pause leise, „ich bin endlich frei!“

B.Z.-Reporter Tomas Kittan spricht mit Baba Sheikh, dem religiösen Oberhaupt der Jesiden im Nordirak (Foto: Michael Hübner / www.nurfotos.de)
B.Z.-Reporter Tomas Kittan spricht mit Baba Sheikh, dem religiösen Oberhaupt der Jesiden im Nordirak (Foto: Michael Hübner / www.nurfotos.de)

Unterdessen hat das Land Brandenburg angekündigt, die ersten jesidischen Flüchtlinge aufzunehmen. 70 werden in den nächsten Tagen erwartet.

Mitarbeit: Michael Hübner

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