NachrichtenReportage

Und wieder Angst für die Christen im Norden Syriens Zwischen den Fronten

Die Bedrohung durch islamistische Milizen in Syrien schien besser eingehegt als in den Jahren zuvor. Nun droht dem politischen Gefüge der Region ein neuer Bruch. Auch die eh schon dezimierten Christen haben Angst.

Der sogenannte Arabische Frühling 2011 ging im Westen mit der Illusion einher, allein die Beseitigung jahrzehntealter Diktaturen werde schon für demokratische Strukturen sorgen. Also konnte es nicht schlecht sein, Milizen im Aufstand gegen Syriens Machthaber Baschar al-Assad zu unterstützen.

Warnungen syrischer Kirchenführer wurden beiseite gewischt. Dabei trieb diese nicht vermeintlicher Anteil an einem Machterhalt – sondern die Sorge vor dem noch größeren Übel. Inzwischen schmeckt die Lektion der Fehleinschätzung in Europa bitter: Das traditionelle kulturelle Gefüge ist zerstört und die Klage gegen den Flüchtlingsstrom groß.

Blick zurück

Rückblende: Der „Arabische Frühling“ wurde von Tunesien aus zum Flächenbrand. Langzeitdespoten und Regime fielen wie Dominosteine: Tunesiens Zine el-Abidine Ben Ali, Libyens Muammar al-Gaddafi, Ägyptens Hosni Mubarak. Die kleingehaltenen Christen der Region erlangten damit allerdings nicht wirklich Freiheit.

Im Gegenteil: Sie und andere Minderheiten verloren mit den Diktatoren auch ihre Schutzmächte gegen den radikalen Islam. In den Nachfolgekriegen erstarkten die Islamisten und wurden ihrerseits bekriegt; die Christen wurden über Jahre zwischen den Fronten zerrieben. Die unklare Gemengelage trieb Hunderttausende Christen zum Verlassen der Heimat.

Alle Angaben zur Bevölkerung sind unzuverlässig. Von den rund 21 Millionen Syrern vor dem Krieg gelten mindestens 9 Millionen als Flüchtlinge oder Binnenflüchtlinge. Religiös waren vormals 75 Prozent der Syrer Sunniten und 12 Prozent Alawiten, darunter auch die Eliten der Hauptstadt inklusive dem Assad-Clan. 6 bis 10 Prozent waren Christen unterschiedlichster Konfessionen. Waren. Nun kursieren Zahlen von nur noch 3 bis 6 Prozent.

Massiver Aderlass für das Christentum

Es ist, historisch gesehen, ein vierter massiver Aderlass für das Christentum, das sich, lange bevor es auch nach Europa kam, von Jerusalem aus nach Kleinasien, Mesopotamien und Nordafrika ausbreitete. Dass es gerade im Nahen Osten eine verwirrende Vielfalt christlicher Kirchen und Denominationen gibt, liegt – wie später auch im Islam – an den streitvollen Findungsprozessen der eigenen Lehr- und Glaubenssätze.

Im Zuge der spätantiken ökumenischen Konzilien entstanden vier Kirchenfamilien mit je eigenen Liturgieformen: die sogenannten Kirchen des Ostens; die frühen orthodoxen Kirchen der Syrer, Kopten, Äthiopier und Armenier; die spätere griechische und georgische Orthodoxie; und zuletzt die diversen mit Rom verbundenen katholischen Kirchen, darunter die Maroniten im Libanon, die Chaldäer im Irak, die Melkiten oder die „Lateiner“, wie die römischen Katholiken im Heiligen Land bezeichnet werden.

Einen ersten historischen Rückschlag erlitt das Christentum mit der islamischen Expansion des 7. Jahrhunderts. Ganz Nordafrika und die Arabische Halbinsel gingen im Handstreich und dauerhaft für das Christentum verloren.

Der Fall des „Heiligen Landes“ an die Muslime läutete im 11. Jahrhundert das Zeitalter der Kreuzzüge ein. Das christliche Byzanz, Sitz des oströmischen Kaisers und des Patriarchen von Konstantinopel, fiel 1453 – nachdem die „Lateiner“ ihre ostkirchlichen Glaubensbrüder im Vierten Kreuzzug blutig erobert und dauerhaft geschwächt hatten.

Die Osmanen herrschten später bis hinauf nach Bosnien und billigten den Christen allenfalls eine Rolle als geduldete Minderheit zu.

„Wie zwischen Pest und Cholera“

Über all diese Jahrhunderte jedoch blieben die Christen in vielen Regionen eine namhafte Minderheit, teils sogar eine zahlenmäßige Mehrheit. Noch Anfang des 20. Jahrhunderts machten sie in Istanbul, im Irak oder in Syrien 30 oder mehr Prozent der Bevölkerung aus.

Der Zerfall des Osmanischen Reiches brachte dann eine Pogromstimmung islamischer Neo-Nationalisten mit sich. Diese „dritte Welle“ vor und im Zuge des Ersten Weltkriegs führte zum Völkermord an den Armeniern und an der sogenannten Kirche des Ostens, den Aramäern im Gebiet der heutigen Türkei, Syriens und des Irak. Hunderttausende, womöglich mehr als eine Million Christen wurden von Türken und Kurden umgebracht. Mit dem 1923 vereinbarten griechisch-türkischen Bevölkerungsaustausch verlor Kleinasien zudem rund 1,5 Millionen orthodoxe Christen, deren Vorfahren dort teils seit der Antike gelebt hatten.

Im 21. Jahrhundert sind von der einst christlichen Prägung Syriens, des Irak, der Türkei und des Libanon teils nur noch verschwindende Minderheiten übrig. In Syrien ritten sunnitische Terroristen des „Islamischen Staates“ die vierte Attacke gegen die Christen des Nahen Ostens. Und nun dringen türkische Streitkräfte von Norden her in das heutige Kurdengebiet im Nordosten Syriens ein – wobei sich die ansässigen assyrischen und aramäischen Christen fühlen dürften wie zwischen Pest und Cholera. Denn gegen die kurdischen Nationalisten hegen sie ihrerseits tiefes historisches Misstrauen.

Alexander Brüggemann

(KNA)

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