NachrichtenReportage

Dokumentarfilm:Ein Waisenhaus in einem Kriegsgebiet

Ein bisschen Heimat in der Hölle

David Körzdörfer (links) und Paruar Bako haben eine Organisation gegründet, die sich um Waisenkinder im Nord-Irak kümmert: Our Bridge e.V. Fotografiert in der Wohnung von Körzdörfer.
David Körzdörfer (links) und Paruar Bako haben eine Hilfsorganisation im Nordirak gegründet. (Foto: David Lohmueller/oh)

Der IS hat im Nordirak eine Spur der Verwüstung hinterlassen. Tausende Jesiden wurden ermordet, viele flüchteten. HFF-Student David Körzdörfer hat einen Film über den Völkermord gedreht – und mit einem deutsch-kurdischen Freund ein Waisenhaus aufgebaut.

Es gehört da nicht hin, dachte Paruar Bako. Das Mädchen mit dem Eimer in der Hand. Es stand da in der Menschenschlange vor einem Truck mit Reis und Brot, mitten im Irak, in Khanke, mitten im Chaos. Wo sein Vater sei, fragte Bako. Weg, sagte das Mädchen. Erschossen.

Paruar Bako, 26, sitzt in einer Wohnung in München in der Maxvorstadt, dunkler Bart, dunkle Augen. Er schweigt, es hängt ihm nach, das Mädchen, die ganze Geschichte. Immer noch. Draußen hängt der Novembernebel vor dem Fenster, in der Wohnung leuchtet eine Lichterkette. „Ich hab nur gedacht, krass. Da steht ein Mädchen mitten im Krieg.“

Die Geschichte von Our Bridge, dem Waisenhaus, das Paruar Bako für jesidische Kinder gegründet hat, beginnt mit diesem Mädchen. Und den Bildern, die um die Welt gingen, am 3. August 2014. Damals überfielen IS-Truppen in bewaffneten Jeeps die Shingal-Region im Norden des Iraks, die Heimat der Jesiden. Tausende Menschen flohen in das nahegelegene Gebirge, versteckten sich zwischen den zerklüfteten Hängen. Und da saßen sie dann, eingekesselt von Terroristen in der glühenden Hitze wie in einem Backofen. Völkermord, nannten das die Vereinten Nationen. „Ekelhafter Wahnsinn“, sagt Bako.

Mit seiner Familie saß er damals zu Hause vor dem Fernseher in Oldenburg. Sein Vater floh 1994 vor Saddam Hussein nach Deutschland. Und jetzt liefen im Fernseher wieder dieselben Bilder: Menschen ohne Schuhe, Menschen ohne Wasser – die Zerstörung der Heimat als Dauersendung bei Al-Jazeera. Zweimal habe er seinen Vater bisher weinen sehen, sagt Paruar Bako. Seit dem 3. August immer wieder.

Bako steht auf, nimmt eine Kerze von einer großen Truhe im Wohnzimmer, zündet sie an. Ein süßlicher Duft breitet sich aus, es riecht nach warmem Drogeriemarkt. „Ich mag Kerzen irgendwie“, sagt er. In wenigen Tagen wird Bako wieder in den Irak fliegen, gemeinsam mit David Körzdörfer, 23, der Our Bridge mitgegründet und einen Film über den Völkermord gedreht hat. Er sitzt neben Bako am Tisch.

Nach dem 3. August 2014 war nichts mehr wie vorher, sagt Bako. Mit Freunden ging er demonstrieren in Oldenburg, in Bremen – gegen ein Massaker an den Jesiden unter den Augen der Weltgemeinschaft. Da spürte er schon, dass es nicht reichen wird. Zu Hause rief sein Vater die Familie zusammen. Sagte, er müsse jetzt gehen. Zurück nach Shingal, ins Gebirge mit der Kalaschnikow. Kämpfen. „Ich hab ihn nicht aufhalten können“, sagt Bako. Und vielleicht wollte er ihn auch gar nicht aufhalten, weil er das Rumsitzen selbst nicht mehr ertrug. Bako studierte damals Wirtschaftsrecht an der Universität Osnabrück. Er konnte das nicht mehr: Steuerrecht nachmittags um drei, Stifte raus, Credit Points – und in seiner Heimat sterben Menschen.

„Ich hab mir ein Ticket gebucht, one way nach Istanbul. Einfach so, ich wollte irgendwas tun,“ sagt Bako. Seinen Eltern sagte er nichts, und als seine Mutter fragte, wo er sei, schrieb er: Bin im Urlaub.

„Ich war wie der Mann vom Mond, auf dem man sicher ganz wunderbar rumklettern kann“, sagt David Körzdörfer. Hier spielt er mit Kindern vor dem Waisenhaus im Nordirak. (Foto: David Lohmueller/oh)

Ein Freund brachte ihn dann über die irakische Grenze und weiter nach Khanke, ein Dorf im Nordirak, knapp 200 Kilometer vom Shingal-Gebirge entfernt. Tausende Jesiden waren damals aus dem Gebirge nach Khanke geflüchtet. Auch das kleine Mädchen mit dem Eimer, zumindest geht Bako davon aus. Sie wollte nicht viel reden, sie wollten alle nicht viel reden in der Schlange vor dem Truck. Was auch.

Bako nahm sein Handy und machte Bilder. Filmte, wie Menschen in Kartons schliefen, eingewickelt in dünne Verpackungsfolie. Und plötzlich erzählten sie ihre Geschichten als Hilferufe und Gebete. Tränen von Eltern, deren Kind nicht mehr sprechen konnte. Bako lud die Videos auf Facebook hoch und schrieb seinen Freunden: „Ey, schaut euch das an.“

Dokumentarfilm:Ein Waisenhaus in einem Kriegsgebiet

So sei Our Bridge entstanden, sagt Paruar Bako. Aus der Hilflosigkeit heraus, festgehalten mit einem iPhone 5, verwackelte Videos, die in Deutschland geklickt wurden, hundertfach. Zurück in Oldenburg setzte er sich mit Kommilitonen zusammen, kurdischen und deutschen. Sie planten Patenschaften und organisierten ein Festival, „Voice of the Voiceless“. Der Rapper Xatar kam, Schwesta Eva – die ganz große Bühne. Von den Einnahmen bauten sie einen alten Getreidespeicher in Khanke um. Ein Harman sollte es werden, ein Waisenhaus. „Und dann kam David, der Verrückte.“

David Körzdörfer hat bisher zugehört, sehr genau. Er kennt die Geschichte, er glättet sie ein wenig, sagt: „Erzähl doch noch mal, wie du hingekommen bist.“ Oder „Man muss dazu sagen, dass Patenschaften bei Our Bridge am Anfang nur eine finanzielle Unterstützung waren.“ Er sagt das mit ruhiger Stimme, sie rieselt so aus ihm heraus. Körzdörfer ist der Beobachter, Bako der Kämpfer – wahrscheinlich braucht es beides, um ein Waisenhaus in einem Kriegsgebiet aufzubauen.

Körzdörfer studiert an der Hochschule für Fernsehen und Film in München. Und wenn man sich anhört, was er bisher so gedreht hat, versteht man, warum er einen Film über den Völkermord an den Jesiden drehen wollte. Mit 15 flog er für ein Schulprojekt nach Südafrika in ein Township, brachte den Kindern Zählen bei, half in der Küche, machte Fotos, immer schon. Nach dem Abi drehte er einen Film in den Slums von Indien, einen Film über einen Gefangenen im syrischen Bürgerkrieg. Und als er die Videos auf Facebook von Paruar Bako sah, schrieb er ihm eine Nachricht. Er würde gerne mit seiner Kamera vorbeikommen, einen Film drehen über Our Bridge, über den Völkermord an den Jesiden. Wo sie sich treffen könnten? Er sei verrückt, schrieb Bako. Und: Komm.

In Körzdörfers Wohnung hängen Bilder von den Dreharbeiten. Eine Gruppe mit Kurden in Gewändern, sie lachen. Körzdörfer steht am Rande des Bildes, die Kamera so weit entfernt wie möglich.

Er wollte den Völkermord anhand von einer Familie beschreiben, sagt Körzdörfer. Das Große im Kleinen erzählen. Also setzte er sich neben das Zelt, in dem Bako Spendengelder von Our Bridge verteilte und fragte eine Familie, ob sie ihm ihre Geschichte erzählen würden. Die Kinder schauten ihn an. Körzdörfer ist zwei Meter groß. Er sagt: „Ich war wie der Mann vom Mond, auf dem man sicher ganz wunderbar rumklettern kann.“ Ein paar Tage später porträtierte er Jaed, 15 Jahre alt, und seine Schwester Rukan, 11, die sich in einem Brunnen verstecken wollten, als der IS die Stadt überfiel. „Volk eines Engels“ nannte Körzdörfer den Film.

Für Kinder wie Jaed und Rukan soll das Waisenhaus in Khanke ein neues Zuhause sein. Körzdörfer klappt seinen Laptop auf, zeigt Bilder. Ein kleiner Fußballplatz liegt vor dem großen Gebäude. Rechts ein Spielplatz mit Rutsche, Schaukel, Klettergerüst, alles offen, viel Licht. Körzdörfer hat die Aufnahmen mit seiner Drohne gemacht, bis der kurdische Geheimdienst kam und sagte, er solle sofort das Ding vom Himmel holen, Drohnen in einem Kriegsgebiet, was in ihn gefahren sei. Er fotografiert jetzt lieber Räume statt Dächer.

Hilfsverein Our BridgeIm August 2017 wurde das Waisenhaus in Khanke im Irak eröffnet. Seitdem sind mehr als 300 Kinder zwischen vier und 18 Jahren in der Einrichtung registriert. Viele von ihnen waren über sechs Monate lang in Gefangenschaft des Islamischen Staats, haben ihren Vater oder ihre Mutter verloren. Sie sind traumatisiert. Durch verschiedene Bildungsprogramme sollen die Kinder wieder zurück in den Alltag finden.

Witwen bieten Näh- und Strickkurse an, junge Jesiden geben Boxunterricht, Mathestunden und Sprachkurse. In einer Werkstatt können die Kinder unter Anleitung Spielzeuge aus Holz bauen. Festtage wie Neujahr feiern sie gemeinsam. Die Kinder leben in illegalen Zeltstädten, in den Camps der Vereinten Nationen, und in Familien, die sie aufgenommen haben. Im August dieses Jahres wurde das Nebengebäude des Waisenhauses renoviert. Hier soll ein Kindergarten eingerichtet werden, um die Gruppen altersgerecht aufteilen zu können. Schwerpunkt soll dann auch die Aufnahme von Kindern sein, die in IS-Gefangenschaft geboren wurden. Häufig werden sie von ihren Müttern abgelehnt und gelten in der jesidischen Gemeinschaft als heimatlos.

Der Verein Our Bridge ist religiös und politisch unabhängig. Die Kinder sollen dort frei von Ideologien aufwachsen und durch Bildung eigene Ansichten entwickelt. ESCH

„Das Waisenhaus ist eine Halbtagsschule“, sagt Körzdörfer. „Wir finden, dass Kinder in Familien groß werden sollen. Und auch wenn sie keine eigene mehr haben, ist es besser, wenn sie in Ersatzfamilien aufwachsen als quasi bei uns.“ Mit dem Schulbus werden die Kinder morgens aus den Camps abgeholt, auch aus den illegalen. In Schulbussen sind sie alle gleich. Schüler. Keine Vertriebenen. Die Kinder duschen in der Schule, bekommen ein Mittagessen, gekocht von Witwen, und dann lernen sie. Gesundheit und Hygiene, Englisch, Handwerk in einer kleinen Werkstatt.

Unter den geflohenen Jesiden sind viele Fachleute und Studenten, die jetzt Lehrer sind. Körzdörfer nimmt seine Kamera mit in die Schule. Er will den Kindern zeigen, wie sie ihre Geschichte erzählen können, durch Bilder, durch Worte. Dass sie etwas zu sagen haben, etwas wert sind, vertrauen können. So was braucht Zeit, wenn man mal Todesangst hatte, und der Grund für diese Angst ja noch da ist. „Der IS ist ja nur in Zellen zerfallen, aber nicht besiegt“, sagt Körzdörfer.

Darum liegt das Waisenhaus auch dort, wo es liegt – am Wasser. Tausende Menschen haben die IS-Terroristen umgebracht, gefoltert, vertrieben. Frauen vergewaltigt, Köpfe abgeschlagen, Familien zerstört. Aber sie haben Angst vor Wasser. „Der IS kommt aus der Wüste“, sagt David Körzdörfer, „die Kämpfer können alle nicht schwimmen.“ Das Waisenhaus von Our Bridge steht darum hinter dem See von Mossul. In Sicherheit.

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