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„Wir können wieder leben“

Salwa Rasho erzählt wie es ihr geht seit sie in Deutschland ist

Von Esslinger Zeitung

 

Als Salwa Rasho im Juli 2015 aus dem Irak nach Deutschland kam, spürte sie fast nichts außer Trauer. „Ich konnte kein Wort Deutsch. Ich kannte keine Leute hier. Ich kannte nichts von der Kultur“, erzählt die heute 21-Jährige mit leiser Stimme. „Ich war einfach plötzlich da.“ Familienangehörige und Freunde waren weit weg oder tot. Sehr traurig habe sie sich gefühlt und viel geweint. Nach einem Jahr habe sie dann aber begonnen, ein neues Leben aufzubauen.

Rasho ist eine von rund 1000 Frauen, die seit 2015 über ein Sonderkontingent nach Baden-Württemberg gekommen sind. Auf Initiative von Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) hatte sich das Bundesland entschlossen, in eigener Regie Frauen und Kinder aufzunehmen, die Opfer der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) geworden sind. Dafür gab es keine Blaupause. „Der Kampf gegen die Windmühlen war erst einmal relativ groß“, erzählt die Staatsministerin in der Regierungszentrale, Theresa Schopper (Grüne). Kretschmann hatte zuvor Fotos von gepeinigten Jesiden gesehen. Die Jesiden erlebten im Sommer 2014 ein Martyrium, als IS-Truppen den Nordirak überrannten. Tausende Männer wurden von Extremisten umgebracht, Tausende Frauen und Kinder verschleppt, versklavt und missbraucht. Manche wurden gleich mehrfach wie Vieh verkauft. Die UN sprachen von einem Völkermord an der religiösen Minderheit. Nach der Vertreibung des IS tauchten viele Massengräber auf. Noch heute sind nach Schätzungen etwa 3000 Frauen verschwunden – Schicksal unbekannt.

Auch Rasho befand sich acht Monate in IS-Gefangenschaft. „Darüber will ich gar nicht reden.“ Niemals könne sie das in Worte fassen, was sie erlebt habe, sagt die 21-Jährige. Im April 2015 gelang ihr die Flucht. Danach lebte sie mit ihren Eltern in einem Lager in einem Zelt – unter schwierigsten Bedingungen. Den Irak und ihre Familie verlassen, das wollte sie eigentlich nicht. Am Ende aber sah sie keine andere Möglichkeit. Wie es für sie im Irak weitergegangen wäre, wenn sie geblieben wäre? „Ich weiß es nicht. Aber auf jeden Fall nicht gut.“ Mittlerweile lebt auch Rashos Familie in Deutschland. Neben Baden-Württemberg haben Niedersachsen, Brandenburg und Schleswig-Holstein Jesiden aufgenommen. Auch Kanada, Frankreich und Australien folgten nach Schoppers Worten. Ein Kontingent des Bundes für die Aufnahme weiterer Jesiden in Deutschland ist laut Schopper angedacht. Wegen der schwierigen politischen Situation im Grenzgebiet des Irak zu Syrien ist die Umsetzung aber noch ungewiss.

Ein Team um den Tübinger Mediziner Florian Junne hat das baden-württembergische Projekt jetzt wissenschaftlich untersucht. Auf freiwilliger Basis wurden mehr als 100 aufgenommene Frauen befragt. Etwa 90 Prozent zeigten sich überaus zufrieden mit dem Sonderkontingent. Zu den positiven Aspekten zählten sie Sicherheit, die Versorgung mit Nahrung, Wohnung und Medizin und die Versorgung der Kinder. Als Kritik führten sie unter anderem an, dass die Unterbringung in Baden-Württemberg beengt gewesen sei und dass sie Familienangehörige im Irak zurücklassen mussten – wie Rasho.

Dennoch sind viele Frauen auf dem Weg, ein eigenes Leben zu führen. Sie machen etwa Schul- und Berufsausbildungen. Auch Rasho hat Deutsch gelernt, besucht die Schule und spricht öffentlich über ihr Schicksal und das der Jesiden. Sie geht regelmäßig zum Kickboxen, spielt Fußball, liest viel und versucht auch über eine spezielle Therapie, mit ihren traumatischen Erfahrungen zurechtzukommen. „Meine Tage sind immer voll.“ Rasho reist regelmäßig in den Irak, um sich dort um Waisenkinder und Kinder aus IS-Gefangenschaft zu kümmern. „Wir versuchen, ihnen Spaß zu bringen.“ Ihr selbst macht der Umgang mit den Kindern Freude. Doch Rasho bleibt hin- und hergerissen zwischen Deutschland und dem Irak. „Immer, wenn ich dort bin, vergesse ich, dass ich in Deutschland war. Wenn ich zurück in Deutschland bin, vergesse ich, dass ich irgendwann im Irak war.“ Rasho wünscht sich, irgendwann wieder in ihrer Heimat leben zu können. Trotz all der Trauer zu Beginn in Deutschland, sagt sie, dass das Sonderkontingent für sie wichtig gewesen sei. „Wir können sagen, was mit uns passiert ist. Wir können wieder leben.“

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