NachrichtenReportage

Besuch aus Neuss im Flüchtlingscamp: Neusser reist in den Nordirak

Von Natalie Urbig/RP Online

Flüchtlingshelfer Stephan Thönnessen besuchte ein ezidisches Flüchtlingscamp und berichtet von einem Leben ohne Perspektive.

Eine Einladung zum Tee wurde für Stephan Thönessen zu einer emotionalen Erfahrung: Mehrere tausend Kilometer entfernt von seiner Heimat besuchte der Neusser ein ezidisches Flüchtlingscamp im Nordirak. Eine ältere Dame führte ihn durch das Lager, zeigte ihm, wie sie in der Zeltunterkunft lebt. „Dann hat sie mir eine Tasse Tee angeboten“, erzählt er. Und obwohl sie nicht die gleiche Sprache sprechen, begann die Frau zu erzählen. Als sie sich auf den Boden setzte, merkte Thönessen, wie sie sich eine Träne aus dem Augenwinkel wischte. „Man kann sich nur vorstellen, wie schwer die Umstände für sie sind“, sagt er.

Noch nie hat sich Stephan Thönnisen auf eine Reise so intensiv vorbereitet. Hauptberuflich arbeitet er als Ingenieur, seit 2015 engagiert er sich in der Neusser Flüchtlingshilfe, ist Friedens- und Konfliktberater und auch bei „Fridays for Future“ in Neuss aktiv. Ende November flog er für eine Woche nach Erbil in den Nordirak, um dort ein ezidisches Flüchtlingscamp zu besuchen. Aufmerksam wurde er durch einen Vortrag, der vor gut einem Jahr in Düsseldorf gehalten wurde. Darin wurde über ein ezidisches Camp in dem Gebirgszug im Nordirak berichtet: Seit gut fünf Jahren leben dort rund 16.000 geflüchtete Frauen, Männer und Kinder. Darunter seien auch 100 ehemalige Sklaven, die der Islamische Staat gefangen genommen hatte, und die nun frei gekauft worden seien. Thönessen brach auf, um den Austausch zu suchen, Kontakte zu knüpfen und Hoffnungen weiterzugeben.

Die Eindrücke, die er vor Ort gemacht hat, beschäftigten ihn auch Wochen später noch: „Es war eine totale Reizüberflutung“, sagt er. Der Neusser selbst war in einer Kleinstadt wenige Kilometer entfernt vom Camp untergebracht. Jeden Morgen machte er sich auf den Weg in das Lager.

„Mein erster Eindruck? Das ist eine kleine Stadt“, sagt er, „die Organisation ist den Umständen entsprechend gut. Es gebe Kindertagesstätten, eine medizinische Station und Schulen. Die Kinder machten einen fröhlichen Eindruck auf ihn. „Es ist auf den ersten Blick kaum vorstellbar, welche Traumata viele von den Bewohnern haben.“

Während die Kleinsten in den Kindergarten gingen, würden die jungen Erwachsenen von einem Bus in die Universität außerhalb des Lagers gebracht. Die Familien wohnen in Zelten – ausgerichtet seien sie für sieben Personen, meist leben sie zu fünft dort. Unter den Plastikplanen lagern die Bewohner ihre wenigen Habseligkeiten, auch der Alltag spiele sich dort ab. Matten liegen auf dem Betonboden, es gibt seperate Küchen- und Badezelten. Das Lager werde durch einen Zaun gesichert, wer es betreten möchte, muss einen Checkpoint passieren. „Die Bewohner können sich aber frei bewegen, sie können das Lager jederzeit verlassen“, sagt er. Dennoch fehle es ihnen an Perspektiven: „Sie können sich nicht in dem Land integrieren und dürfen keine Arbeit aufnehmen“, sagt er. Auch zurück in ihre Heimat dürften sie nicht. Die Senioren hätten ihm erklärt: „Wir brauchen nichts aufzubauen, alles wird wieder zerstört.“ Thönnessen sagt: „Langfristig fehlt den Jesiden Land.“

Und etwas anderes beschäftigt den Neusser: Wenige Meter oberhalb des Flüchtlingslagers sei ein Öl-Loch. Bei der Förderung würden Gase frei. Dadurch würden giftige Dämpfe entstehen, die sich über dem Flüchtlingslager ausbreiten. „Man kann sich die Luft so vorstellen, als würde man seinen Kopf über einen Benzinkanister halten“, sagt er. Die Geflohenen seien chronisch krank, auch Thönnessen habe mit trockenen Schleimhäuten gekämpft. Wieder in der Heimat sei bei ihm das „Golkfkrieg-Syndrom“ diagnostiziert worden. „Die Chemikalien greifen das Nervensystem an und verändern auch das Erbgut, die Auswirkungen auf die nächsten Generationen sind laut eines Arztes noch unklar“, erzählt er.

Bei seiner Reise traf Thönessen auf einige ezidische Repräsentanten, etwa das religiöse Oberhaupt Baba Sheikh, den Prinzen des Ezidischen Rates Hazem Tahsin Saeed, Baba Chawish, Oberhaupt des Lalis Tempel, und Khidir S. Khalil, einen bekannten ezidischen Schriftsteller. Ihnen zeigte Stephan Thönnessen den Bildband „Ein Kreis – vier Zeiten“ mit Motiven aus dem Rhein-Kreis Neuss. „Mit Sicht aus einem Kriegsgebiet heraus, wirken die Bilder von Birgit Wilms und Sigrid Scheus wie aus dem Paradies“, erzählt er. „Nach mehreren Stunden Gespräch fragte ich die Tischgesellschaft, in welcher Jahreszeit sich die Eziden befinden. Wir einigten uns auf ,Winter’, denn danach kommt der Frühling.“

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