NachrichtenReportage

Gemeinde im Umbruch

vonJonas Wissner

2006 hat sich die ezidische Gemeinde in Lollar gegründet, inzwischen ist sie zu einem Zentrum der Glaubensgemeinschaft in Deutschland gewachsen. Irfan Ortac, der Vorsitzende, sieht seine Religion im Wandel. Das führe auch zu Konflikten.

Vor ein paar Jahren war die Etage über dem ezidischen Gemeindezentrum in Lollar noch eine Wohnung, inzwischen hat sich hier ein tiefgreifender Wandel vollzogen: Nun gibt es im Obergeschoss einen Raum für Seminare, eine kleine Küche für Besprechungen, eine Bibliothek, die gerade aufgebaut wird. Nebenan befindet sich ein Büro – „das Herzstück“, sagt der Vorstandsvorsitzende der Gemeinde, Dr. Irfan Ortac, stolz. Ein Regal voller Akten, Schreibtische, davor eine Kamera und ein aufgespannter Schirm. „Sieht fast aus wie ein Fotostudio“, sagt Ortac lächelnd. Regelmäßig werden hier Aufnahmen gemacht, „auch für Facebook, Instagram, Twitter“.

Während ein Stockwerk tiefer ältere Herren beim Spielen am Tisch sitzen, laufen hier oben viele Fäden der ezidischen Community in Deutschland zusammen. Binnen weniger Jahre ist aus einem überschaubaren Gemeindezentrum so etwas wie der Mittelpunkt der ezidischen Glaubensgemeinschaft in Hessen geworden. Die Herausforderungen sind enorm. Ortac sieht seine Gemeinde in einem Konflikt zwischen Tradition und Moderne.

„Eziden leben schon lange in Mittelhessen“, sagt Ortac. Einige mit türkischem Pass seien vor Jahrzehnten als „Gastarbeiter“ nach Deutschland gekommen, auch sein Vater. In ihren Herkunftsländern waren sie stets eine Minderheit gewesen, das hat auch das religiöse Leben geprägt: „Sie kennen es nicht, ihre Religion öffentlich auszuleben, das war eine Schutzmaßnahme in der Heimat.“ In den 90er Jahren sind auch Eziden aus dem Kaukasus hinzugekommen.

Die zweite und dritte Generation der Eziden in Deutschland sei „als Europäer aufgewachsen“, sagt Ortac. „Und was machen Europäer, wenn sie zusammenkommen? Sie gründen einen Verein.“ 2006 vollzog sich dieser Schritt in Lollar: Die Ezidische Gemeinde Hessen wurde gegründet, mittlerweile gibt es eine zweite in Offenbach. „In unseren Vorstandssitzungen wird Deutsch gesprochen“, erzählt Ortac.

Das Vereinsleben gestaltete sich anfangs wie überall. „Wir haben Grillfeste gemacht und über Hupfbürgen nachgedacht“, blickt Ortac zurück. Es sei eine arbeitsintensive Zeit gewesen, „aber keine Belastung“. Ehrenamt kann anstrengend sein, „aber man brauchte nicht viel Überzeugungsarbeit, die Leute hatten Spaß. Wir haben auch die Parteien und Kirchen zu Festen eingeladen, alle sind gekommen“, sagt Ortac, der auch Mitglied der SPD-Kreistagsfraktion ist.

Auch auf dem Lollarer Schmaadleckermarkt war die Gemeinde schon mit einem Essensstand vetreten. Kaum Kontakte gebe es dagegen zu den muslimischen Gemeinden in Lollar, obwohl seitens der Jesiden die Türen offen stünden, sagt Ortac.

In der ezidischen Gemeinde treffen sich die Generationen. Die neu gewachsene Gemeinschaft habe zur „Vergewisserung des eigenen Glaubens“ beigetragen, es offenbarten sich aber auch Konflikte. Ortac beschreibt einen Spagat zwischen den Befindlichkeiten älterer Jesiden, die althergebrachte Traditionen pflegen, und der Lebenswelt jüngerer. Ein Beispiel: „Viele haben zu mir gesagt: Eziden müssen einen Schnurrbart tragen.“ Er selbst hat keinen.

Auch in Ernährungsfragen gebe es unterschiedliche Ansichten. Gerade viele ältere Eziden essen kein Schweinefleisch – vermutlich eine Tradition, die sich in den muslimisch geprägten Herkunftsländern etabliert habe. Er selbst isst Schweinefleisch und hat auch keine Hinweise gefunden, dass religiöse Vorschriften der Eziden dies untersagten, berichtet Ortac.

Allmählich wuchs die Gemeinde zusammen, „wir dachten, es wird die nächsten 100 Jahre so laufen“. Doch es kamen schnell neue Herausforderungen, der Fokus hat sich mittlerweile ein wenig gewandelt. „2014 wurden unsere Glaubensbrüder im Irak massakriert“, sagt Ortac über die Gräueltaten des Islamischen Staats an Eziden. In Lollar und Gießen wurden Spenden gesammelt, Hilfe auf den Weg gebracht. Ortacs Schwester Hansa, die in der Gemeinde unter anderem Kochtreffs und Erzählcafés organisiert, zeigt Videos, auf denen sie Klagelieder bei Gedenkveranstaltungen singt.

Die Ankunft von zahlreichen Geflüchteten, vor allem im Jahr 2015, hat auch die jesidische Gemeinde in Lollar abermals verändert und erneut auf die Probe gestellt, sagt Ortac. Die Zahl der Eziden in Deutschland hat sich seither mehr als verdoppelt. Aus Ortacs Sicht kamen „nicht nur Personen, sondern auch Probleme. Menschen mit anderer Einstellung und anderem kulturellen Feedback.“ Die „Willkommensmentalität“ habe sich „in eine Kontroverse entwickelt“, auch in der ezidischen Gemeinde. Sich an die Regeln der Gemeinschaft zu halten, Verantwortung zu übernehmen, Grenzen zu respektieren – all das sei nicht allen neu angekommenen Eziden leicht gefallen. Es mangle an „kontroverser Konfrontation mit dem Wertekanon“. Auch müssten aus Ortacs Sicht gerade geflüchtete, teils traumatisierte Frauen mehr gefördert und betreut werden, als es bisher geschehe. Inzwischen setzt die Gemeinde auch auf Demokratieförderung. Ein Schwerpunkt ist die Beratung von Frauen, auch in rechtlicher Hinsicht. Dafür, erzählt Ortac, habe man eine ezidische Anwältin hinzugezogen, etwa für Streitfälle um das Sorgerecht.

„Wir bekommen bundesweite Anfragen, um Probleme zu besprechen“, sagt Ortac. Er öffnet eine E-Mail von einer russischen Jesidin, die heute in Brandenburg lebt, „das ist ein Paradebeispiel“.

Ortac arbeitet beruflich als Lehrer, im Ehrenamt ist er auch Vorsitzender des Zentralrats der Eziden in Deutschland. „Das geht bei uns alles über das Ehrenamt“, sagt er, „die Alternative ist, gar nichts zu machen“. Die ezidische Gemeinde schließe eine Lücke, obwohl dies eigentlich Aufgabe des Staates sei. „Viele Förderprogramme von Bund und Land sind aus meiner Sicht nicht zielführend“, sagt Ortac zur Integration von Geflüchteten. Aber es werde schwieriger, das ehrenamtliche Engagement aufrechtzuerhalten, das sei allmählich kaum noch zu stemmen.

Und während unten im Gemeindezentrum ältere Herren gemütlich Karten spielen, glühen oben im Büro weiter die Drähte.

Zeig mehr

In Verbindung stehende Artikel

Back to top button
Close